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Autoren: Veit Bürger (Öko-Institut), Julia Weiß (IÖW)

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Einleitungstext

Gesellschaftlich-politische Rahmenbedingungen einer sozial-ökologischen Transformation: Rechtspopulismen und neue soziale Disparitäten

 

Neu eingereichtes Thema

Autoren: Bernd Sommer (Europa-Universität Flensburg), Miriam Schad (TU Dortmund)

1. Sozial-ökologische Problemlagen

Seien es die Etablierung nachhaltiger Mobilitätsysteme, Veränderungen im Agrarsektor oder die Transformation des Energiesystems insgesamt – die unterschiedlichen Felder einer sozial-ökologischen Transformation sind abhängig von gesellschaftlichen und politischen Rahmbedingungen, die weit über ihr jeweils benanntes Themenfeld hinausreichen. Ohne die entsprechende politische Unterstützung sowie eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung werden sich eine „Agrar-“, „Energie-“ und „Mobilitätswende“ oder sogar „Große Transformation zur Nachhaltigkeit“ (WBGU) nicht gestalten lassen. Zwei Entwicklungen, die in der jüngeren Vergangenheit in nahezu allen frühindustrialisierten OECD-Staaten zu beobachten sind und zwischen denen auch ein Zusammenhang zu bestehen scheint, sind unseres Erachtens in diesem Kontext von besonderer Bedeutung:
(1) das Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen und Parteien (sprich unterschiedlicher Rechtspopulismen) sowie
(2) zunehmende soziale Disparitäten und neue Formen der sozialen Ungleichheit.
Die Erforschung der Auswirkungen und Interdependenzen dieser beiden Veränderungen auf die Akzeptanz und Praxis einer sozial-ökologischen Transformation sollten daher unserer Meinung nach Teil einer zukünftigen Forschungsstrategie sein.

(1) Rechtspopulismen und sozial-ökologische Transformation
In den vergangenen Jahren konnten rechtspopulistische und z.T. auch -extreme Bewegungen, Parteien und Politiker überall in Europa und auch den USA bemerkenswerte Erfolge erzielen. Bei aller Heterogenität eint diese Parteien und Akteure nicht nur ihre ablehnende Haltung gegenüber (Flucht-)Migration, sondern auch die Infragestellung von Umwelt- und Klimaschutzzielen sowie entsprechender Politiken. Besonders drastisch lässt sich dies in der aktuellen US-amerikanischen Politik beobachten, in der nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten die Ausbeutung fossiler Energiequellen wieder forciert wird, Nationalparks und Naturschutzgebiete zurückgebaut, umweltpolitisch Institutionen entmachtet und das Pariser Klimaschutzabkommen aufgekündigt worden sind. Aber auch im Programm der AfD in Deutschland findet sich ein ausgeprägter Klimaskeptizismus und die Partei setzt sich für die Fortsetzung des Kohlebergbaus in Nordrhein-Westfalens und in der Lausitz, die Liberalisierung der Fracking-Technologie oder die Aufweichung von Abgasstandards ein. Argumentativ wird hierbei meist der „kleine Mann“ (weniger die „kleine Frau“) vor bevormundender Umweltschutz- und Naturschutzpolitik bewahrt. Anderseits ist bei rechten Politikern und Parteien mitunter auch zu beobachten, dass mit Verweis auf den Umweltschutz Zuwanderung abgelehnt wird.
Für die USA hat die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild gezeigt, dass Menschen, obwohl sie z.B. in Louisiana selbst massiv von Umweltverschmutzung betroffen sind, einen Abbau von Umweltschutzmaßnahmen und die Politik Trumps befürworten. Aus der einschlägigen Wahl- und Einstellungsforschung ist bekannt, dass vor allem diejenigen Personen zur Wahl rechtspopulistischer Parteien neigen und entsprechende Positionen teilen, die sich gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen benachteiligt sehen. Mit anderen Worten, die soziale Positionierung  von Personen ‒ und insbesondere ihre Deutung und Wahrnehmung im Vergleich zu anderen Teilgruppen der Gesellschaft ‒ scheinen eine große Relevanz für die unterschiedlichen Dimensionen einer politisch postulierten ökologischen (oder auch nachhaltigen) Gesellschaftstransformation zu haben, was auf den zweiten von uns als wesentlich betrachteten Kontextfaktor für sozial-ökologische Transformationsprozesse verweist:

(2) Neue soziale Disparitäten und sozial-ökologische Transformation
Wie unter (1) bereits skizziert, scheinen Prozesse sozialer Spaltung die Bereitschaft, politische Entscheidungen Umweltschutzkriterien auszurichten, negativ zu beeinflussen. Aber auch das eigene umweltrelevante Alltagshandeln bleibt durch soziale Ungleichheit, Prekarisierung sowie die Wahrnehmung dieser Prozesse nicht unberührt: Klassische Forschungen zu Umwelteinstellungen und Umwelthandeln zeigen, dass Menschen mit niedrigen Einkommen und Bildungsabschluss sich weniger Sorgen um Umweltschutzbelange machen. Und aktuelle Studien zeigen, dass auch die wahrgenommene Prekarität in Teilen der Mittelschicht zu einer geringen verbalisierten Bereitschaft führen kann, sein Handeln an Umweltschutzkriterien auszurichten. Bezogen auf das tatsächlich zu beobachtende Umwelthandeln ergeben sich ambivalente Befunde: Einerseits gibt es auch hier Indizien, dass sozial schlechter gestellte Milieus seltener etwa zum Kundenstamm von Bio-oder Reformhäusern gehören. Bei Analysen zum ökologischen Fußabdruck schneiden aber gerade die bessergestellten Milieus als besonders ressourcenverbrauchend ab. In verschiedenen Studien ist weiter gezeigt worden, dass das Ausmaß sozialer Ungleichheit (als relationales Verhältnis) signifikant mit ökologischen Dimensionen (wie z.B. den Verlust an Biodiversität) in einer Gesellschaft korreliert. Schließlich ist aus der internationalen Forschung zu den Themenfeldern Umwelt- und Klimagerechtigkeit bekannt, dass etwa Extremwetterereignisse und Umweltbelastungen stets sozialstrukturiert wirken und insbesondere die sozial benachteiligten Gruppen – global aber auch innerhalb von industrialisierten Gesellschaften – treffen. In der Auseinandersetzung mit der Interdependenz ökologischer und sozialer Problemlagen besteht das Potenzial, Umwelt(schutz)politik auch als Sozialpolitik zu verstehen und zu konzipieren.

2. Darstellung des Wissensstandes und der Forschungslücken

Zu der „großen Regression“ − wie die international zu beobachtende, aktuelle Hinwendung zum Autoritarismus in der Fachliteratur auch genannt wird − entstehen gerade die ersten Untersuchungen, bzw. es werden erste Forschungsergebnisse vorgelegt. Weitgehend unbeachtet blieb dabei bislang aber, wie sich die entsprechenden Bewegungen und Parteien zu umweltpolitischen bzw. nachhaltigkeitsrelevanten Fragestellungen positionieren und wie ihr wachsender Einfluss – sei es in Regierungsverantwortung oder mittelbarbar durch die Beeinflussung der politischen Agenda – sich auf die entsprechenden Politikfelder auswirkt. Auch existieren kaum Studien dazu, welche Bedeutung die Themen „Umwelt- und Klimaschutz“, „Nachhaltigkeit“ und „Ökologie“ bei ihrem Elektorat haben und ggf. auch ihre Wahlentscheidungen beeinflussen.
Auch beim Themenfeld „soziale Ungleichheit und sozial-ökologische Transformation“ existieren erhebliche Forschungsdesiderata. Zwar ist bekannt, wie unter (2) erwähnt, dass soziale Ungleichheit sich auf die Betroffenheit von Umweltbelastungen auswirkt, doch wissen wir über das umgekehrte Verhältnis, also die Auswirkungen wachsender sozialer Ungleichheit auf die Belastung der Umwelt (die Inanspruchnahme von  Ressourcen und Senken) nur wenig. Dieser Zusammenhang lässt sich zwar empirisch zeigen, bezüglich des genauen Wirkungsverhältnisse existieren aber allenfalls plausibilisierende Theorien (z.B. dass in einer sozial ungleichen Gesellschaft für die Individuen demonstrativer Statuskonsum an Bedeutung gewinnt).

3. Beschreibung möglicher Forschungsfragen

Vor dem Hintergrund der hier skizzierten Themenfelder und Desiderata böte sich eine Förderbekanntmachung an, in der u.a. die folgenden Fragestellungen adressiert werden:

  • Welche umweltpolitischen Positionen vertreten (international vergleichend) verschiedene rechtspopulistische Bewegungen und Parteien und mit welchen Begründungen werden beispielsweise Umwelt- und Klimaschutz abgelehnt? Welche Bedeutung haben die entsprechenden Positionen in der Anhängerschaft diese Gruppierungen?
  • Welche sozialen Gruppen werden (auch innerhalb industrialisierter Gesellschaften) durch erfolgte und auch verhinderte Umweltschutzpolitik benachteiligt oder privilegiert? Welche Diskurse lassen sich hierzu auch innerhalb der medialen Berichterstattung rekonstruieren?
  • Welche Anknüpfungspunkte bietet die empirische Gerechtigkeitsforschung (quantitativ und/oder qualitativ) bei der Erforschung von ablehnenden Einstellungen zu Umweltpolitik und Umweltschutzinitiativen? Welche Gerechtigkeitsvorstellungen (Verteilungsgerechtigkeit, Leistungsgerechtigkeit u.ä.) werden in den Argumentationen adressiert?
  • Welche sozialen Determinanten beeinflussen die Betroffenheit von Umweltbelastungen und Extremwettereignissen innerhalb Deutschlands? Welche Gruppen (z.B. Geflüchtete, Menschen in Asylverfahren) sind Belastungen in besonderen Maße ausgesetzt?  
  • Wie manifestieren sich umweltrelevante Alltagspraktiken in unterschiedlichen sozialen Lagen? Welche Erkenntnisse können etwa auf Basis von ethnographischen Beschreibungen in schwer für klassische Befragungen zu erschließende Milieus (z.B. unterschiedliche gesellschaftliche Eliten) zu Umwelteinstellungen und Umwelthandlungen generiert werden?   
  • Oder auch: Inwiefern sind Umweltzerstörung und soziale Prekarisierung Folgen der gleichen gesellschaftlichen Dynamik, die sich beispielsweise mit Karl Polanyi als ‚Kommodifizierung von Natur und Arbeit‘ beschreiben lässt und wonach der erstarkende Rechtspopulismus eine „Gegenbewegung“ (im Sinne Polanyis) zu diesen Entwicklungen wäre?

 

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