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Autoren: Felix Tretter, Karl-Heinz Simon

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Autor: Maik Hosang

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Einleitungstext

Marine sozial-ökologische Systeme: Blue Growth & Nachhaltigkeit

 
Neu eingereichtes Thema

Autoren: Achim Schlüter, Silja Klepp & Grit Martinez

1. Sozial-ökologische Problemlagen

In den letzten Jahrzehnten nimmt die Bedeutung der Weltmeere und der Küsten stetig zu. Blue Growth ist nicht nur die mit Nachdruck verfolgte Strategie der EU im marinen Bereich, sondern er manifestiert sich bereits heute in vielen zentralen Wirtschaftsbereichen. Die nachhaltige Nutzung unserer Ozeane ist jedoch für viele Ressourcen nicht gegeben, bzw. aufgrund des rapiden Wachstums massiv bedroht. Marine sozial-ökologische Systeme sind zentral für uns Menschen und für das System Erde. Dies manifestiert sich im Besonderen im globalen Süden, in dem viele Menschen von der Küste existentiell abhängig sind und die Nutzung der Küste aus einer Perspektive nachhaltiger Entwicklung besonders wichtig ist.
In den nächsten Jahren sind viele technologische und institutionelle Innovationen im marinen Bereich zu erwarten. Dies zeigt sich deutlich z.B. im Tiefseebergbau, Tourismus, in der Aqua- und Marekultur oder der Küstenentwicklung im Allgemeinen. Märkte, die zentral auf dem Meer beruhen, sind in einem besonderen Maße durch Globalität und Wettbewerb gekennzeichnet. Dies stellt die Gesellschaft – Staaten, Staatengemeinschaften, Zivilgesellschaft, Unternehmen, Verbraucher – vor besondere Herausforderungen, wenn das Ziel eine Transformation zu nachhaltiger Nutzung ist.
Auf der politischen Ebene ist das Bewusstsein für die Bedrohung der Meere und der Notwendigkeit einer nachhaltigen Steuerung deutlich erkannt worden. Dies manifestiert sich z.B. in der Widmung eines Sustainable Development Goals für das Leben unter Wasser, dem Ausruf des Wissenschaftsjahres des Meeres in Deutschland oder der 2021 beginnenden „United Nations Decade of Ocean Science for Sustainable Development“. Dieser gesellschaftliche und politische Wille zu einer nachhaltigen Ozeansteuerung steht in einem Missverhältnis zu einem geringen sozialökologischen Wissen über Küsten und Meere. Dieses Missverhältnis existiert weltweit, ist aber besonders deutlich im deutschen Wissenschaftssystem, indem nur langsam in wenigen Keimzellen marine sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung entsteht. Während auf der politischen Ebene die enge Verzahnung von Mensch und Ozean anerkannt wird, fehlt es über erste Ansätze hinaus in der Wissenschaft an Programmen und konkreter Forschung, welche die konzeptuelle Trennung von Mensch und Ozean und der Natur- und Sozialwissenschaften überwinden.

2. Darstellung des Wissensstandes und Forschungslücken

Im Laufe der letzten Jahre sind im deutschen Wissenschaftssystem Kompetenzen zur Erforschung sozial-ökologischer Systeme aufgebaut worden, die einen wichtigen Beitrag zur Transformation hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft leisten. Sozial-ökologische Forschung z.B. in den Bereichen Energie, Klima, Landmanagement, nachhaltige Ressourcennutzung oder nachhaltige Stadtentwicklung ist hier zu nennen. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung dieser Bereiche, die sich weit weniger unserer täglichen Wahrnehmung entziehen, begründet das relativ geringe Interesse am Meer. Des Weiteren sind in Deutschland Küsten- und Meeresaktivitäten nur im regionalen Bewusstsein identitätsprägend. Die lange als unendlich erscheinende Ressource Ozean wurde über viele Jahrzehnte hinweg einzig aus der Perspektive einer naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung sowie der angewandten Natur- und Ingenieurwissenschaften wie etwa Meerestechnik oder Schiffbau betrachtet. Die Interaktion zwischen Mensch und Meer wurde kaum erforscht, weil das ökonomische, ökologische und soziale Zusammenspiel relativ reibungslos lief. Dies muss sich in Zeiten von Blue Growth, klimatischen Veränderungen und des Missbrauchs der Meere als “Müllkippe”, ändern. Zentrale Erkenntnis sozial-ökologischer Forschung ist, dass sich ökologische, technologische und soziale Systeme gegenseitig bedingen. Das Meer ist unter verschiedenen Gesichtspunkten, die für Governance-Fragen relevant sind, spezifisch. Es ist gekennzeichnet durch Drei- bzw. Vierdimensionalität, extrem fließende Ökosystemgrenzen, Schnittpunkte einer Vielzahl sozialer Systeme, extreme Überlagerung mannigfaltiger sozial-ökologischer Systeme unterschiedlichster Größen, es ist das größte Gemeinschaftsgut dieser Erde, um nur einige Spezifika zu nennen. Diese differenzierte Betrachtung des Meeres und der Küste befindet sich im deutschen Wissenschaftssystem in den Kinderschuhen. Eine gemeinsame Anstrengung der SÖF-Community ist hier notwendig. Der Mensch lebt nicht auf dem Meer, sondern (bisher) zumeist an Land. Daher kommt dem Interaktionsraum zwischen Land und Meer, der Küste, eine besondere Bedeutung aus einer sozialökologischen Perspektive zu. Die Defizite in der Erforschung dieser Beziehung werden in vielen hochrangigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen deutlich angesprochen. Aber die Aktivität des Menschen breitet sich immer stärker auch auf den offenen Ozean aus. Die Schwierigkeiten der Regulierung durch die Staatengemeinschaft müssen erforscht und überwunden werden, da nicht reguliert diese Aktivitäten Erde und Menschheit global schaden können. Die bisher am besten erforschte Beziehung zwischen Mensch und Meer ist die Fischerei. Nichts desto trotz gibt es hier weitere wichtige Fragen z.B. im Bereich der ökosystembasierten Steuerung, die nicht an einzelnen Arten ansetzt. Die Forschungsdefizite in Sektoren mit außergewöhnlichen und lang anhaltenden Wachstumsraten sind jedoch weitaus frappierender. Aqua- und Marekultur ist seit Jahren der am stärksten wachsende Sektor der Nahrungsmittelproduktion und hat eine zentrale Bedeutung für die Proteinversorgung vieler Menschen. Kreuzfahrttourismus, Taucherei, Trinkwassergewinnung, maritime Logistik sind kaum erforschte Sektoren. Tiefseebergbau könnte in der Zukunft an Bedeutung gewinnen und erfordert jetzt eine ganzheitliche Analyse. Das Meer ist eine der zentralen globalen Ressourcen. Es verbindet Gesellschaften und wird gemeinsam genutzt. Daher eignet es sich besonders für die Erforschung essentieller globaler Nachhaltigkeitsfragen, z.B. im Vergleich mit dem weitaus besser erforschten globalen Gemeinschaftsgut Klima.

3. Beschreibung möglicher Forschungsfragen

Folgende konkrete Forschungsfragen sind aus verschiedenen Diskussionen innerhalb der marinen Sozial- und Kulturwissenschaften entstanden, die im Rahmen der gleichnamigen Strategiegruppe des Konsortiums Deutsche Meeresforschung stattgefunden haben. Die Liste ist nicht vollständig und wird hoffentlich durch Ihre Beiträge ergänzt. Eine Beantwortung der Fragen erfordert inter- und transdisziplinäre Ansätze. Hierbei ist es offensichtlich, dass je nach Fragestellung viele Disziplinen der Sozial- ,Geistes- und Kulturwissenschaften (z.B. Ökonomie, Politikwissenschaften, Recht, Umweltgeschichte, Philosophie, Psychologie, Anthropologie, Kulturökologie, um nur einige zu nennen) einen essentiellen Beitrag leisten.

  • Wie wandeln sich Lebenswelten von Küstengesellschaften (Gentrifizierung, demographischer Wandel, (ökonomische) Nutzungsformen, verschiedene Küsten- und meeresbezogene Weltsichten, Diskurse und Narrative) und deren Verhalten bei sich stark verändernden Bedingungen (Klima, Verschmutzung, Biodiversität, Nutzung, Ansprüche)?
  • Wie leben Menschen mit den sich stark verändernden Risiken der Küsten und Meere (z.B. Meeresspiegelanstieg, Korallensterben, Mangrovenabholzung), wie gehen sie damit um und organisieren kollektives Handeln?
  • Wie und warum nehmen Menschen in unterschiedlichen Regionen das Meer und die Küste wahr, wie bewerten sie diese und was bedeutet das für eine regionale, nationale und globale Governance?
  • Wie sind die Einstellung und das Verhalten des Menschen gegenüber dem Meer, warum sind sie so und wie kann eine Transformation zu nachhaltigem Verhalten erzielt werden? Wie kann Klimaanpassung transformativ gestaltet werden?
  • Wie können nachhaltige Produktions-­ und Konsummuster mariner Ressourcen in einer globalisierten Welt gesellschaftlich ermöglicht und befördert werden?
  • Wie können soziales Wissen & Traditionen zur Verwertung mariner Ressourcen (auch jenseits von Aquakultur und Züchtungen in Laboren) zur Stärkung des gesellschaftlichen Diskurses zur Nutzung bio-ökonomischer Ressourcen und der Nationalen Forschungsstrategie Bioökonomie beitragen?
  • Welche Instrumente sind für eine nachhaltige Governance der Meere geeignet?
  • Welche Rolle kann zivilgesellschaftlich getriebene Governance (z.B. Zertifizierung) im marinen Bereich spielen?
  • Was sind die ökologischen und technologischen Charakteristika, die Governance von Küste und Meer spezifisch werden lassen?
  • Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich daraus, dass die meisten ökologischen Systeme im Meer von mehreren sozialen Systemen (z.B. Ländern, Regionen) genutzt und reguliert werden?
  • Wie lässt sich die enge ökologische Verknüpfung zwischen Land und Meer im sozialen System und hier im Besonderen der Governance besser realisieren?
  • Wie können neben der oft im marinen Bereich im Mittelpunkt stehenden ökologischen Nachhaltigkeit auch andere Nachhaltigkeitsziele, im Besonderen soziale, angemessene Berücksichtigung finden?
  • Wie kann man Fischereipolitik effektiver und legitimer gestalten?
  • Welche globalen Governance Mechanismen sind notwendig, um die Meere nachhaltig zu nutzen?
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