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Materielle Lebensqualität und seelische Lebensintensität

 
Neu eingereichtes Thema

Autor: Maik Hosang

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Einleitungstext

Vorsorgendes Arbeiten – Sozial-ökologische Transformation der Arbeitsverhältnisse

 
Neu eingereichtes Thema

Autoren: Andrea Baier, Adelheid Biesecker, Daniela Gottschlich, Sabine Hofmeister, Tanja Mölders, und Babette Scurrell vom Netzwerk „Vorsorgendes Wirtschaften“

1. Sozial-ökologische Problemlagen

Es herrscht weitgehend Konsens, dass das vorherrschende Wirtschaftsmodell zu inzwischen überdeutlichen ökologischen Schäden führt. Entsprechend werden der immanente Wachstumszwang und der damit weiter ansteigende Naturverbrauch kritisiert, und es wird nach Strategien für eine „Wirtschaft ohne Wachstum“, für ein ökologisch nachhaltiges Wirtschaften gesucht. Übersehen wird dabei häufig, dass unsere Wirtschaftsweise sozial-ökologisch nicht nachhaltig ist, dass sie nicht nur mit steigendem Naturverbrauch, sondern auch mit einer problematischen Vernutzung von Arbeitskraft einhergeht. Arbeit orientiert sich zu wenig an den Lebensbedürfnissen der Arbeitenden, die Gestaltung von Arbeit und ihre Bezahlung sind vor allem geprägt von unternehmerischen Rentabilitätsansprüchen. Aus der Perspektive von Arbeitsgeber*innen ist Arbeit ein Kostenfaktor und soll möglichst billig sein. Aus der Perspektive der Arbeitenden sind Arbeit und Lohn Lebensmittel; Arbeitsbedingungen sowie Entlohnung sollen ihnen ein gutes Leben ermöglichen. Aber über die Ausgestaltung von Arbeit wird – ebenso wie über die Zahl der Arbeitsplätze, über Einstellungen und Entlassungen – nach Renditekriterien entschieden. Vor diesem Hintergrund treibt viele Arbeitnehmer*innen angesichts der kommenden Roboterisierung Existenzangst um: Wer wird in „Arbeit 4.0“ noch gebraucht, und wer wird überflüssig?
Übersehen wird dabei ebenfalls, dass das Verständnis von Wirtschaften auf einem engen Arbeits- und Produktivitätsbegriff beruht, der nur die Erwerbsarbeit, die bezahlte Arbeit als „produktiv“ begreift. Ausgegrenzt werden alle unbezahlten Arbeiten jenseits des Marktes wie auch die ökologischen Leistungen. Die Leistungen der Natur gelten wie die unbezahlten Arbeiten als unproduktiv, bestenfalls als reproduktiv. Da diese Arbeit hauptsächlich von Frauen geleistet wird, ist dieses Arbeitskonzept ihnen gegenüber dreifach ungerecht: ökonomisch, weil ihre Arbeit – sofern sie im Privaten stattfindet – gar nicht oder – als personenbezogene Dienstleitung schlecht bezahlt wird; gesellschaftlich, weil sie nicht anerkannt wird, und politisch, weil diese Abwertung und Ausgrenzung die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft be- bzw. verhindert (vgl. Nancy Fraser, die Gerechtigkeit als „gleichberechtigte Teilhabe“ konzeptioniert). Wie die Produktivität von Frauen wird auch die Produktivität der Natur(en) als unhinterfragt vorhanden und deshalb vernutzbar behandelt. Die Privilegierung der Erwerbsarbeit ist mit der Abwertung der unbezahlten Arbeit wie der Abwertung des Beitrags der Natur systematisch verbunden. Insgesamt ist dieses Arbeitskonzept folglich der Natur nicht gemäß, nicht lebensdienlich und nicht geschlechtergerecht. Eine zukunftsfähige Wirtschafts- und Lebensweise benötigt ein anderes Arbeitskonzept. Sozial-ökologische Transformationsprozesse schließen daher die Transformation der Arbeits- und Produktionsverhältnisse ein.

2.    Darstellung des Wissensstandes und Forschungslücken

Im Rahmen des Netzwerks „Vorsorgendes Wirtschaften“ arbeiten wir u.a. an solch einem neuen Arbeits- und Produktivitätskonzept für eine sozial-ökologische Transformation. Eine Basis in diesem Zusammenhang ist die Kategorie (Re)Produktivität (Biesecker/ Hofmeister 2006 u.a.) und der mit ihr verbundene vierstufige gesellschaftliche (Re)Produktionsprozess. Kern des Konzepts (wir nennen es „Vorsorgendes Arbeiten“) ist ein erweitertes Verständnis von Arbeit als vielfältiges „Arbeiten“. Ausgangspunkt ist die Kritik an der für marktorientiertes kapitalistisches Wirtschaften konstitutiven Trennungsstruktur zwischen produktiven und den sogenannten reproduktiven Tätigkeiten und Leistungen – das sind die ökonomisch nicht bewerteten, nicht über Märkte koordinierten, unbezahlten Arbeiten in der sozialen Lebenswelt und die Naturleistungen („ecosystem services“).
„Arbeiten“ umfasst somit – über die Erwerbsarbeit hinaus – alle (re)produktiven Tätigkeiten und Leistungen. Ein solchermaßen erweiterter Arbeitsbegriff kann nicht additiv gefunden werden (Erwerbsarbeit + Versorgungs- + Sorge- + Eigenarbeit + bürgerschaftliches Engagement + ...). Wenn doch, werden – das hat die feministische Debatte der 1970er/80er Jahre gezeigt – die vorherrschenden geschlechtlich geprägten Trennungsstrukturen mitgenommen oder/und in anderer Form reproduziert. Über eine notwendige Erweiterung des Arbeitsbegriffs ist sich der feministische Diskurs weitgehend einig – hinsichtlich der Frage, wie ein integriertes Konzept aussehen und gestaltet werden kann, noch nicht. Hier besteht eine große Forschungslücke und daher großer Forschungsbedarf.
Ein Verständnis für diese für eine sozial-ökologische Transformation notwendige Erweiterung des Arbeitskonzepts findet sich in anderen Bereichen der Transformationsdebatte kaum: So thematisiert der WBGU in seinem Hauptgutachten von 2011 mit dem Titel „Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ Arbeit überhaupt nicht. Und im Postwachstumsdiskurs findet zwar ein Nachdenken über Arbeit statt, aber vor allem im herkömmlichen Sinne über Arbeit als Erwerbsarbeit. Diese soll „gute Arbeit“ sein, kritisiert werden insbesondere aktuelle Tendenzen der Auflösung geschützter Arbeitsverhältnisse sowie der Prekarisierung. Sogar dort, wo ein erweitertes Verständnis von Arbeit aufscheint (vgl. z. B. Liebig et al. in ihrem Aufsatz „Bedingungen und Optionen der Arbeitspolitik für die Postwachstumsgesellschaft“ von 2017), macht die Konzentration auf Erwerbsarbeit und Arbeitszeitverkürzung die Chance für einen erweiterten Arbeitsbegriff zunichte. Eine Verknüpfung mit den aktuellen feministischen Debatten um „Care“ und „Vorsorge“ findet nicht statt. Hier tut sich eine zweite Forschungslücke auf.
Denn auch die Care-Debatte reicht zur Erweiterung des Arbeitskonzepts für eine nachhaltige Gesellschaft nicht aus. Zwar kritisiert diese Debatte den Dualismus zwischen Markt und Nicht-Markt, zwischen „produktiv“ und „reproduktiv“ und macht deutlich, dass Ökonomie mehr ist als Marktökonomie, dass letztere von einer außermarktlichen Care-Ökonomie getragen und ermöglicht wird. Und sie hat auch gezeigt, dass in der Care-Ökonomie andere Prinzipien als Effizienz und Profitabilität eine Rolle spielen, dass es um eine andere Rationalität geht (Fürsorgerationalität statt Maximierungsrationalität). Aber die Debatten um die Sorge-Beziehungen und Sorge-Prozesse thematisieren meistens nur neue zwischenmenschliche Beziehungen. Was vergessen wird, ist in der Regel der Bezug zur Natur, die Frage nach neuen Beziehungen zur Natur wird meistens nicht gestellt. Die Erweiterung des Arbeitskonzepts verbleibt in der Care-Debatte daher fast ausschließlich im Sozialen.
Nachhaltigkeit ist jedoch von vornherein ein sozial-ökologisches Konzept und fordert sozial-ökologische Qualitäten ein. Mit dem ISOE verstehen wir Nachhaltigkeit als einen offenen Prozess, in dem es darum geht, im heutigen Wirtschaften die produktiven sozialen und ökologischen Grundlagen zu erhalten und zu erneuern. Arbeiten wird von uns daher als gesellschaftliches Handeln mit dem Ziel der Wiederherstellung der sozialen und ökologischen Grundlagen menschlichen Lebens begriffen. Es dient der Gestaltung und Erneuerung der (Re)Produktionsgrundlagen von Gesellschaft und Natur und wird als gesellschaftliche Vermittlungsaufgabe zwischen Natur- und menschlicher Produktivität verstanden. Solche Arbeitsprozesse sind zukunftsbezogen zu organisieren. Arbeiten ist vorsorgendes Handeln und zielt auf die Gestaltung eines guten Lebens für die heutigen und für zukünftige Generationen.
Neues wird nicht einfach gedanklich gefunden, sondern entsteht auch in sozialen Experimenten. Das gilt auch für neue Formen des Arbeitens. In verschiedenen sozialen Projekten oder Bewegungen wird heute mit neuen Arbeitsformen und neuen Kombinationen verschiedener bestehender Arbeitsarten experimentiert. Beispiele dafür sind Urban Gardening, Solidarische Landwirtschaft, Repair-Cafés, die Neulandgewinner sowie die moderne Commons- und Commoning-Bewegung. Diese Bewegungen können aus der Perspektive einer sozial-ökologischen Transformation der Arbeitsverhältnisse als Reallabore verstanden werden. Die Auswertung ihres Beitrags zur Neubestimmung von Arbeit steht jedoch noch aus, auch hier besteht eine Forschungslücke.

3.    Beschreibung möglicher Forschungsfragen

A) Aus unserem sozial-ökologischen Verständnis von Arbeit leiten sich zunächst Forschungsfragen bezüglich dreier, nicht voneinander zu trennender Dimensionen ab:

Materielle und technische Dimension der zukünftigen Arbeitsgesellschaft:

  • Wie können Produktentwicklung und Produktion im Hinblick auf die mit den Produkten verkoppelten sozialen und ökologischen „Redukte“ entwickelt werden (stoffliche und energetische Prozess- und Produktgestaltung)? (Bezug zu Energie- und Stoffstromanalysen, wie sie z.B. an der Universität Klagenfurt durchgeführt werden).
  • Welche Rolle spielen globale Produktionsketten? Erfordert die sozial-ökologische Transformation eine Re-Regionalisierung der Produktion?
  • Welche Rolle spielen welche erneuerbaren Energien?
  • Digitalisierung und Roboterisierung: Kann die „Industrie 4.0“ für eine sozial-ökologische Transformation genutzt werden, oder verhindert sie sie?
  • Welchen Beitrag können betriebliche Qualitätszirkel leisten?

Sozial-kulturelle Dimension der zukünftigen Arbeitsgesellschaft:

  • Wie kann Arbeit – entlang der Phasen des (Re)Produktionsmodells – auf alle Mitglieder der Gesellschaft gerecht verteilt werden?

  • Welche Rolle spielen dabei global organisierte Arbeitsprozesse (z. B. global care chains)?

  • Welche Um- und Neubewertungen sind notwendig – und wo sind sie schon im Gang?

  • Wie kann eine gerechte Teilhabe an gesellschaftlichen Aushandlungs- und Bewertungsprozessen von Arbeit ermöglicht werden?

  • Wie sehen neue Einkommensmodelle für das zukünftige vielfältige Arbeiten aus? (Bezug zur Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen)

  • Arbeit 4.0“: Finden sich in dieser Debatte Anknüpfungspunkte für eine sozial-ökologische Transformation der Arbeitsverhältnisse?

Kulturell symbolische Dimension

  • Welche Veränderungen (Verschiebungen, Verknüpfungen, Auflösungen und/oder Neukonstellationen) kulturell symbolischer Ordnungen entstehen in und durch sozial-ökologische Transformationsprozesse?
  • Was bedeutet dies in Hinblick auf gesellschaftliche Natur- und Geschlechterverhältnisse?


B) Forschungsfragen bezüglich der politischen Gestaltung des sozial-ökologischen Transformationsprozesses der Arbeitsverhältnisse:

  • Wie kann die bestehende Arbeitsmarktpolitik in eine sozial-ökologische Arbeitspolitik umgeformt werden?
  • Welche politischen Maßnahmen sind möglich, um die Abwertung der Arbeiten außerhalb des Marktes zukünftig zu verhindern und deren Aufwertung voranzubringen? Wo gibt es schon Ansatzpunkte?
  • Was lässt sich hierzu von anderen Ländern, insbesondere den skandinavischen, lernen?
  • Wie lässt sich die Teilhabe der Akteur*innen in den verschiedenen Arbeitsfeldern organisieren? Wie können bisher ausgegrenzte, ungehörte Stimmen Gehör finden, wie lässt sich z.B. ein „Parlament der ungehörten Stimmen“ organisieren?


C) Forschungsfragen, die sich auf die Auswertung verschiedener sozialer Bewegungen beziehen, in denen mit neuen Formen von Arbeit experimentiert wird:

  • Welche Arten von Arbeiten werden in den Projekten geleistet? Gibt es Arbeiten, für die die alten Begriffe nicht passen (z.B. commoning)? Welche neuen Begriffe tauchen auf?
  • Wer macht welche Arbeiten, und wie wird über die Verteilung der Arbeiten entschieden? (Frage nach Geschlechterverhältnissen und Demokratie)
  • Wie erfolgt die Koordination verschiedener Tätigkeiten?
  • Welche Um- oder Neubewertungen geschehen, und wie verlaufen Bewertungsprozesse?
  • Welche projektspezifischen Naturverhältnisse lassen sich ausmachen?
  • Wie) Wirkt sich räumliche Nähe und/oder Distanz auf die Ausgestaltung (re)produktiver Arbeits- und Naturverhältnisse aus?

 

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