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Nachhaltigkeitsbilanz und sozial-ökologische Gestaltungsoptionen der Digitalisierung

 

Autoren: Ortwin Renn, Thomas Korbun

In den letzten Jahren ist die Digitalisierung in nahezu allen Wirtschafts- und Lebensbereichen allgegenwärtig geworden. Die mit ihr verbundenen Chancen und Risiken werden zunehmend in Medien, Politik und Gesellschaft diskutiert.

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(In-)Kohärenz von Politiken zur Umsetzung der SDGs

Einleitungstext

Planetary Boundaries und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse

 

Autoren: Dieter Gerten, Ortwin Renn

1. Sozial-ökologische Problemlagen

Das Konzept der Planetaren Grenzen, die in ihrer Gesamtheit den als schützenswert erachteten Holozän-Status der Erde als sicheren Handlungsraum für die Menschheit abstecken, gewinnt zunehmend an Attraktivität und Bedeutung in akademischen, politischen sowie ökonomischen Kontexten. Die Eigenheit – und gleichzeitig die Herausforderung – dieses Konzepts besteht in der einheitlichen Zusammenschau verschiedener Umweltdimensionen aus einer globalen Langzeitperspektive (worin der Klimawandel nur einer von insgesamt neun Prozessen ist). Neben der verbesserten Quantifizierung der verschiedenen, interagierenden Belastungsgrenzen stehen nun insbesondere die Möglichkeiten, diese Grenzen nicht zu überschreiten, zur Debatte – also die Übertragung eines zunächst erdsystemisch-naturwissenschaftlichen Konzepts in konkrete Handlungsfelder auf verschiedenen räumlichen und administrativen Ebenen. Dies wirft eine Reihe von Fragen auf, die inter- und transdisziplinärer Forschung auch auf Basis sozial-ökologischer Ansätze erfordern.

2. Darstellung des Wissensstandes und Forschungslücken

Zum einen sind die Definition und die Quantifizierung der meisten Planetaren Grenzen keineswegs abgeschlossen. Sie beruhen auf teils noch sehr vorläufigen Abschätzungen hinsichtlich ihres aktuellen Status, der räumlichen Verteilung der ihnen zugrundeliegenden Prozesse (also der Frage, welche Anteile z. B. an aufrechtzuerhaltenden Wäldern oder Nährstoffkreisläufen verschiedene Gegenden an den Grenzen haben und wie diese global aggregiert werden können), ihres wissenschaftlichen Unsicherheitsbereichs und ihrer Interaktionen. Beispielsweise ist die gegenwärtig definierte Grenze für den menschlichen Süßwasserverbrauch insofern vorläufig, als sie lokale Toleranzgrenzen der Wassernutzung noch unzureichend integriert. Auch ist mit Ausnahme des Klimawandels noch nicht systematisch erforscht, welche ggf. nichtlinearen Folgen eine Überschreitung einer oder mehrerer Grenzen für das Erdsystem und mithin für menschliche Gesellschaften hätte. In Ermangelung umfassender Daten und eines robusten Kenntnisstands sind manche Grenzen (z.B. für die Einführung neuer Substanzen) auch noch gar nicht eindeutig definiert. Es gibt also noch große Unsicherheitsspielräume, wo die Grenzen liegen und wie elastisch sie gegenüber Interventionen des Menschen sind. Gleichzeitig ist aber auch deutlich, dass eine Überschreitung dieser Grenzen zu kaum mehr beherrschbaren Folgen für die Menschheit führen könnte.

Zum zweiten bestehen vor dem Hintergrund dieser Unsicherheiten erhebliche Wissenslücken darüber, wie die Beiträge von Regionen, Ländern, Unternehmen oder Privatpersonen zu aktuellen Überschreitungen der planetaren Grenzen und ihrer regionalen Ausprägungen erfasst und wie politische Handlungsoptionen zur Reduzierung des jeweiligen Drucks auf die Umweltgrenzen gesellschaftlich ausgehandelt werden können. Eine zentrale Herausforderung ist dabei die Notwendigkeit zu ‚vertikaler‘ (auf lokaler bis globaler Skala) wie auch ‚horizontaler‘ Integration (über Ressorts und Stakeholdergruppen hinweg) politischer Prozesse und Gestaltungsmöglichkeiten.

Zum dritten sind Aushandlungsprozesse immer offen und spiegeln das jeweilige Verständnis und die Präferenzen der beteiligten Personen und Parteien wider. Es ist aber keineswegs gesichert, dass in einem entsprechenden Aushandlungsprozess planetare Grenzen respektiert werden, zumal sie mit großen Unsicherheiten verbunden sind. In Zeiten von post-faktischen Debatten werden auch gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse von vielen Akteuren in Zweifel gezogen. Daher stellt sich die grundlegende Frage, wie eine Gesellschaft den potenziellen Konflikt zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis von Umweltgrenzen und der prinzipiellen Offenheit von Aushandlungs- und Entscheidungsprozessen, vor allem in demokratisch verfassten Gesellschaften, auflöst. Wie sind zum Beispiel demokratisch legitimierte Entscheidungen zu bewerten, die nach übereinstimmender Meinung der entsprechenden Fachwissenschaftler planetare Grenzen überschreiten könnten? Und: wie müssen Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse strukturiert werden, dass demokratische Prinzipien der Offenheit für die Anliegen und Präferenzen der Bürgerinnen und Bürger mit den Erkenntnissen über planetare Grenzen in Einklang gebracht werden?

3. Beschreibung möglicher Forschungsfragen

Innovative und transdisziplinäre Beiträge sozial-ökologischer Forschung zur Klärung des Spannungsverhältnisses zwischen ergebnisoffenen Aushandlungsprozessen und der Notwendigkeit, sachlich gegebene planetare Grenzen einzuhalten, sind insbesondere zu folgenden Fragestellungen erforderlich:

  • Wie verhält sich das Vorsichtsprinzip des Planetare-Grenzen-Konzepts („precautionary principle“ zur Wahrung des Holozän-Status, d.h. Platzierung der Grenzen am Unterrand eines wissenschaftlichen Unsicherheitsbereichs) zu anderen Nachhaltigkeitsbegriffen (z.B. schwache und starke Nachhaltigkeit, globale Gemeinschaftsgüter)? Mit welcher Autorität werden die planetaren Grenzen vorgestellt, und in welchem Ausmaß kann das Konzept selbst zur Diskussion gestellt werden?
  • Welche kollektiven Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse sind prinzipiell geeignet, Grenzen menschlicher Interventionen in das Erdsystem zu respektieren, aber gleichzeitig die verbleibenden Freiräume nach Maßgabe demokratischer Mitwirkungsrechte auszufüllen? Wie ist in diesen Prozessen die Rolle und Funktion erdsystem-/umweltwissenschaftlichen Sach- und Expertenwissens zu definieren, damit der Diskurs über nachhaltige lokal-globale Politikgestaltung gelingen kann?
  • Wie lässt sich die im Vorsichtsprinzip zum Ausdruck kommende globale, Sektoren und Generationen übergreifende Perspektive in der Wissenschaftskommunikation argumentativ in den öffentlichen Diskurs einbringen, um einerseits Tendenzen zu post-faktischem Wunschdenken diskursiv entgegenzuwirken, und andererseits zu vermeiden, die Wissenschaft in die ultimative Schiedsrichterrolle zu drängen?
  • Wie lassen sich Beiträge verschiedener Regionen und Akteure zur Definition und zur Einhaltung der Planetaren Grenzen rechnerisch bestimmen und gerecht aufteilen, idealerweise unter Einbezug des erweiterten Konzepts des „just space“ bzw. der Sustainable Development Goals? Was wäre ein faires Verhältnis zwischen lokalen, regionalen und globalen Aushandlungsprozessen (im Bereich der „Inclusive Governance“)? Welche Rolle spielen dabei regional und sozial differenzierte Wohlstandsmodelle?
  • Welchen quantitativen Unterschied (im Vergleich zu „business-as-usual“-Praktiken) können auf Nachhaltigkeit ausgerichtete soziale Dynamiken bezüglich der Einhaltung planetarer Grenzen machen? Wie können solche unterschiedlichen Dynamiken exemplarisch in Modellen abgebildet und untersucht werden?

Forschungsvorhaben im Spannungsfeld von planetaren Grenzen und Aushandlungsprozessen in pluralistischen Gesellschaften müssen definitionsgemäß interdisziplinär unter Einbezug der Sozial- und Naturwissenschaften, aber auch transdisziplinär unter Beteiligung wesentlicher Akteure in der Gesellschaft ausgerichtet sein. Sie können sowohl auf quantitativer Ebene (wie lassen sich individuelle Beiträge zu den Grenzen und ihrer Einhaltung bestimmen), auf konzeptioneller Ebene (wie müssen idealerweise Prozesse der Aushandlung strukturiert sein, damit sie ihre Ziele erreichen) als auch auf operativer Ebene (wie können die Prozesse konkret umgesetzt oder evaluiert werden) angesiedelt sein. Im Vordergrund steht die Frage, wie Wissen aus naturwissenschaftlicher Erdsystemanalyse in solche Prozesse eingebunden werden kann: Prozesse der Ko-Kreation von Wissen und Handlungsoptionen sind von besonderem Forschungsinteresse.

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