Sozial-ökologische Pfade zu einer wachstumsunabhängigen Gesellschaft
Autoren: Thomas Korbun, Bernd Hansjürgens, Kai Niebert
1. Sozial-ökologische Problemlagen
Damit die international vereinbarten Klima- und Nachhaltigkeitsziele erreicht werden können, müssen insbesondere industrialisierte Länder wie Deutschland, ökologische Belastungen, die aus ihren nicht-nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsweisen resultieren, in einem erheblichen Ausmaß reduzieren. Dies konnte bisher jedoch weder durch Effizienzsteigerungen noch durch Konsistenzstrategien auch nur ansatzweise realisiert werden. Es bestehen berechtigte Zweifel bezüglich der unter anderem im Green-Growth-Ansatz unterstellten Gewissheit, dass es aufgrund der technologischen Entwicklung gelingen wird, eine hinreichend starke absolute Entkopplung von Wirtschaftsleistung und ökologischen Belastungen im zur Verfügung stehenden Zeitraum zu realisieren. In verschiedenen Transformationsdiskursen wird zudem die Frage gestellt, ob weiteres Wirtschaftswachstum in den wohlhabenden Ländern zwingend notwendig ist, um die Lebensqualität dort zu erhalten. Aus der Perspektive einer starken Nachhaltigkeit werden eine Messung gesellschaftlicher Wohlfahrt, die sich primär am BIP orientiert, und darauf aufbauende wachstumsorientierte Politiken kritisiert.
Die im BIP gemessene Wirtschaftsleistung und die damit generierten Einkommen spielen eine wichtige Rolle für die Funktionsweise fundamentaler gesellschaftlicher Institutionen (beispielsweise die Sozialversicherungssysteme). Es wird deshalb teilweise befürchtet, das Ausbleiben von Wirtschaftswachstum werde zu einer Zunahme bestehender sozialer Ungerechtigkeiten, zu geringerem gesellschaftlichen Zusammenhalt und zu einer Erosion der gesellschaftlichen Akzeptanz nachhaltigkeitspolitischer Maßnahmen führen und ihre Fortführung praktisch unmöglich machen. Zugleich besteht aber eine ernst zu nehmende Möglichkeit, dass sich das künftige Wachstum aufgrund verschiedener Ursachen (wie den demografischen Wandel) abschwächt oder ganz ausbleibt (vgl. Diskussion zum Thema säkulare Stagnation).
Diese verschiedenen Argumente unterstreichen die Notwendigkeit, Alternativen zu einem auf Wachstum basierenden gesellschaftlichen Entwicklungspfad zu prüfen. Potenziale hierfür könnten in einer verantwortungsethisch motivierten Resilienzstrategie liegen. Diese würde den Transformationspfad, der auf die Einhaltung der planetaren Grenzen und die Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Lebensqualität abzielt, robuster gegenüber Unwägbarkeiten machen. Einen wesentlichen Beitrag zu dieser Resilienzstrategie könnte in einer Postwachstumsposition liegen. Im Gegensatz zu Ansätzen wie Degrowth oder Green Growth ist die Postwachstumsposition insofern pfadunabhängiger und ergebnisoffen als dass unter der Prämisse der Einhaltung ökologischer Grenzen Wirtschaftswachstum, bzw. Schrumpfung nicht als per se negativ bzw. positiv betrachtet werden und auch eine hinreichend starke Entkopplung von Wirtschaftsleistung und Umweltbelastung nicht ausgeschlossen wird. Gemäß dieser Position ist es ungewiss, wie sich die gemessene Wirtschaftsleistung entwickeln wird, wenn die Wirtschaftsweise in den industrialisierten Ländern im Einklang mit globalen ökologischen und sozialen Zielen grundlegend transformiert wird. Postwachstumsbefürworter/innen plädieren insbesondere dafür, gesellschaftliche Institutionen so zu transformieren, dass sie ihre Leistungen unabhängig(er) von der gemessenen Wirtschaftsleistung erbringen können (Wachstumsunabhängigkeit). Würde dies gelingen, könnte die Politik ökologisch notwendige Politikmaßnahmen unabhängiger von ihren eventuellen negativen Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum ergreifen.
Eine Postwachstumsstrategie kann als Innovationsstrategie konzipiert werden, die auf soziale Innovationen und neue soziale Praktiken fokussiert. Neue Formen des Wirtschaftens sind dabei kooperativ und netzwerkorientiert und unterstützen die Ablösung von Produzenten und Konsumenten von einer „Wachstumskultur“ und ihrer Steigerungslogik.
2. Darstellung des Wissensstandes und Forschungslücken
Der Postwachstumsdiskurs wird insbesondere in Teilen der Zivilgesellschaft und erst in Ansätzen in wissenschaftlichen Arenen geführt.Daher verfügen die entsprechenden Protagonist/innen bisher über verhältnismäßig geringe wissenschaftliche Bearbeitungskapazitäten. Es besteht ein großer Bedarf an grundlegenden und explorativen inter- und transdisziplinären wissenschaftlichen Analysen und empirischen Untersuchungen. So fehlen beispielsweise differenzierte Analysen zur Rolle und gesamtwirtschaftlichen Relevanz verschiedener wachstumsförderlicher Dynamiken sowie den Möglichkeiten diese durch politische Maßnahmen zu gestalten. Ebenso gibt es bezüglich der konkreten Ausgestaltungsmöglichkeiten von Postwachstumsstrategien erhebliche Wissensbedarfe. Dies betrifft insbesondere grundlegende empirische Untersuchungen zur potenziellen Relevanz, Umsetzbarkeit und den Wirkungen verschiedener bisher vorgeschlagener Politikinstrumente. Des Weiteren bestehen Wissenslücken bezüglich des Verhältnisses von nationalstaatlich orientierten Politikansätzen sowie regionaler Ansätze des Wirtschaftens zu internationalen Entwicklungen und den entsprechenden Wechselbeziehungen.
Neben den skizzierten Forschungslücken bestehen Zielkonflikte, die in einem breiten gesellschaftlichen Diskurs debattiert werden sollten und letztlich auf der politischen Ebene entschieden werden müssen. Hierzu gehört beispielsweise die Frage, was ein (noch) gesellschaftlich akzeptables monetäres Absicherungsniveau in einer nicht mehr wachsenden oder gar schrumpfenden Volkswirtschaft unter veränderten Bedingungen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Organisation ist. Sinnvolle Beiträge für einen entsprechenden Suchprozess könnten auf wissenschaftlicher Expertise aufbauende, entsprechend gestaltete partizipative Formate und begleitende transdisziplinäre Forschungsprojekte sein.
3. Beschreibung möglicher Forschungsfragen
Zur Konzeption und Bewertung einer möglichen Postwachstumsgesellschaft:
- Wie könnte eine Postwachstumsgesellschaft konzeptionell gefasst werden? In welcher Weise unterstützt sie die Umsetzung globaler ökologischer und sozialer Nachhaltigkeitsziele? Wie trägt sie zu einer resilienteren Gesellschaft bei?
- In welchem Verhältnis steht der Postwachstumsdiskurs zu anderen Konzeptionen nachhaltiger Entwicklungen (wie Suffizienz oder Vorsorgeprinzip) und Transformationspfaden?
- Welche spezifische Indikatorik wäre für den Übergang zu entwickeln?
- Welche Risiken und Kosten und welche Wohlfahrtseffekte entstehen bei verschiedenen Transformationspfaden?
- Wie würde sich eine nicht mehr wachsende oder schrumpfende Volkswirtschaft auf sozialen und ökonomischen Dynamiken, das Investitions- und Innovationsgeschehen auswirken?
- Welche Auswirkungen haben Postwachstumskonzepte in unterschiedlichen regionalen Kontexten? Welche Potenziale bestehen für die Entwicklung strukturschwacher Regionen?
Zur Frage der Steuerbarkeit von Wachstumsdynamiken:
- Ist es möglich, Wachstumsdynamiken auf Basis eines besseren Verständnisses gezielt zu beeinflussen? Wie könnte man dysfunktionale Wachstumsprozesse identifizieren/abgrenzen, wie sie abschwächen? Welche systemischen Auswirkungen hätte dies? Welche positiven Gestaltungsperspektiven ließen sich hieraus entwickeln?
- Können neue produktbezogene Konsumbedürfnisse und damit einhergehende Ressourcenverbräuche reduziert werden (reparatur/upgradefreundliches Produktdesign, Werbeverbote usw.)?
- Welche Rolle spielen Unternehmen als Akteure? Welche Bedeutung haben wachstumsneutrale Unternehmen, inwiefern ist ihre Ausrichtung verallgemeinerbar?
Zur möglichen Instrumentierung einer Postwachstumsstrategie:
- Welche Wirkungen hätte eine konzertierte Implementierung von Steuerungsinstrumenten (wie Ökosteuern, Abbau umweltschädlicher Subventionen oder Arbeitszeitverkürzungen)? Wie würde eine Abkehr von der Wachstumsförderung die Wirtschaftspolitik insgesamt verändern?
- Welche Bezüge ergeben sich zu anderen relevanten Wissensbeständen aus anderen Politik- und Handlungsfeldern (Suffizienzpolitik, Digitalisierung, Kreislaufwirtschaft, Mobilität, Stadtplanung ...)
- Welche kulturellen Grundlagen braucht eine wachstumsunabhängige Wirtschaft und Gesellschaft?
Zur Möglichkeit der Transformation wachstumsabhängiger gesellschaftlicher Bereiche:
- Welche Möglichkeiten gibt es, wachstumsabhängige Bereiche wie die Sozialversicherungssysteme oder Beschäftigung so zu gestalten, dass sie weniger wachstumsabhängig sind? Welche Verteilungswirkungen hätte dies?
- Welche Effekte ergeben sich in einer Situation ausbleibenden Wachstums für den Arbeitsmarkt? Wie würde sich in einer Postwachstumsgesellschaft die Arbeitswelt verändern? Wie wäre das Verhältnis von Erwerbs- und Nichterwerbsarbeit? Wie vielversprechend sind Ansätze, die darauf zielen, Einkommenssicherung bzw. Bedürfnisbefriedigung stärker vom monetären Erwerbseinkommen zu entkoppeln (bspw. Grundeinkommen oder nicht-kommerzielle Sharing-Economy)?
- Wie können Real-Experimente für Übergänge in eine mögliche Postwachstumsgesellschaft entwickelt und umgesetzt werden? Welches Potenzial haben soziale Innovationen für die Veränderung der gegenwärtigen Wirtschaftsweise?
Zur internationalen Dimension der Postwachstumsdebatte:
- In welchem Verhältnis stehen nationalstaatlich-orientierte Politikansätzen sowie regionale Ansätze des Wirtschaftens zu internationalen Entwicklungen? Was wären geeignete geographische Maßstäbe für die mögliche Umsetzung von Postwachstumsansätzen?
Die neuesten Beiträge
Annotation vom 21.06.2018 - 14:47
Soweit sich die hier identifizierten "kulturellen Grundlagen" stark von den in Deutschland vorgefundenen kulturellen Grundlagen unterscheiden, ist hierbei wichtig zu schauen, wie (und durch wen) eine Änderung dieser Grundlagen herbeigeführt werden kann.
Diese Annotation bezieht sich auf:
Welche kulturellen Grundlagen braucht eine wachstumsunabhängige Wirtschaft und Gesellschaft?
Annotation vom 16.06.2018 - 19:37
Kommentare/Ergänzungen/Ideen zum Thema „zu Fragen sozial-ökologischer Pfadentwicklung zu einer wachstumsunabhängigen Gesellschaft“
Sabine Weck, Bastian Lange, Christian Schulz
Als Mitglieder des Arbeitskreises Postwachstumsökonomien in der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL, siehe https://www.arl-net.de/de/projekte/postwachstumsökonomien) begrüßen wir es ausdrücklich, dass im FONA / BMBF-Kontext eine eindeutige Hinwendung zu Fragen sozial-ökologischer Pfadentwicklung zu einer wachstumsunabhängigen Gesellschaft eröffnet wird.
Wir möchten mit einigen konstruktiv-kritischen sowie ergänzenden Aspekten dieses Feld in ihrer Passgenauigkeit sowie den Erkenntnisbedarfen schärfen.
Zum Begriff „Postwachstum“: Verglichen mit der Breite der gegenwärtigen Debatte um Postwachstum verwendet der Ausschreibungstext ein eher enges Begriffsverständnis, in dem
a) Postwachstum mit Stagnation bzw. Schrumpfung einer Volkswirtschaft gleichgesetzt wird, und b) eine bewusste Abgrenzung vom Konzept der Degrowth vorgenommen wird, dem eine bestimmte Pfadabhängigkeit unterstellt und eine Ergebnisoffenheit abgesprochen wird. Unabhängig davon, dass beide Begriffe in der internationalen Literatur zwar nicht immer einheitlich, jedoch häufig synonym verwendet werden, erscheint uns das hier zugrunde liegende Begriffsverständnis aus mehreren Gründen zu eng bzw. irreführend:
- Die Gleichsetzung mit Schrumpfung/Stagnation suggeriert einen reaktiven Umgang mit einer negativ konnotierten (z.B. in politischen und gesellschaftlichen Debatten) Entwicklung, der Gestaltungspotentiale überdeckt.
- Es wird nicht zugestanden, dass das Degrowth-Konzept sehr wohl in bestimmten Sektoren oder (Welt-)Regionen auch weiterhin absolutes/materielles Wachstum für sinnvoll hält, und dass es eher um eine Abkehr von dem grundsätzlichen und dominierenden Leitbild Wachstum geht, an dem wirtschaftlicher und politischer Erfolg gemessen wird. Dabei wäre auch zu differenzieren, für welche Produktionsweisen, Güter und Dienstleistungen wachsende Ressourcenverbräuche in Kauf genommen werden könnten, während in anderen Bereichen Suffizienzaspekte zum Tragen kommen müssten.
- Mit dem Fokus auf die Bezugsebene Volkswirtschaft und deren Stagnation/Schrumpfung wird implizit die bisher vorherrschende Form der Wachstumsmessung (BIP) akzeptiert. Alternative Verfahren der Wohlstandsmessung, die inzwischen auch von durchaus strukturkonservativen Akteuren wie der EU und der OECD propagiert werden, würden es ermöglichen, den Blick über formale Unternehmen und ihre marktlichen Transaktionen hinaus zu erweitern (s.u.).
Vor diesem Hintergrund würden wir es begrüßen, für den Ausschreibungstext eine breiteres Begriffsverständnis zu wählen und damit mehr Spielraum für Ideendiversität und damit für die eingeforderte „Ergebnisoffenheit“ zu schaffen.
Zum Begriff „Pfad“: In den regionalökonomischen, regionalplanungsbezogenen und wirtschaftsgeographischen Forschungen weisen sich „Pfade“ als z. B. sektorale Komplexe (Automotiv, Chemie…) oder Regionen und Raumstrukturen definierende Komplexe aus. Damit geht eine Verkopplung mit institutionellen Routinen und territorialen Praktiken einher, die erst einmal mehrheitlich Pfadstabilisierung und Pfadsicherheit versprechen. Umkehr, Abweichung und Pfadelastizitäten hin zu neuen z.B. pfadunabhängigen Entkopplungsprozessen von Wachstumslogiken sind daher auch aus der Sicht institutioneller, Pfade sichernder Praktiken und regionaler Logiken zu verstehen, ohne die keine begründete Hinwendung zu Pfadabweichung möglich ist.
Ergänzend/Komplementär würde dies die Frage eröffnen, genauer zu erfassen, wo sich, durch wen, und wie, neue, pfadabweichende und wachstumsunabhängige Praktiken von unternehmerischen Allianzen, Kollektiven und Netzwerken lokal sowie translokal zu erkennen geben. Das Erkenntnisinteresse müsste dann aber stärker darauf ausgerichtet werden, pfadstabilisierende und pfadsichernde Praktiken als eine Form des „Borderings“, d.h. der Grenzziehung und somit Raumdefinition, zu beschreiben, die (oft) exkludierend für neue Nischenakteure ist.
Somit würden wir es begrüßen, macht- und konflikttheoretisch begründete Perspektiven einzubauen, um das Verhältnis zwischen Pfadsicherung vs. Pfadabweichung als eine Form der Grenzziehung besser zu verstehen. Dies eröffnet praktisch die Chance, kommunikativ und in der Zielansprache genauer nicht nur innerhalb der administrativen Raumkategorien und Scales /Maßstäbe Fragen nach Pfadabweichungen zu stellen, sondern innerhalb sektoraler Raumstrukturen oder technologischer Pfade sowie z.B. konsumptionsbezogenen Lebensstilmustern.
Zum begrifflichen Verhältnis Wachstumsabhängigkeit vs. Wachstumsunabhängigkeit: Die Ausführungen zeigen, dass hier zwei Varianten gegenübergestellt werden. Das ist im Prinzip für eine Ausschreibung völlig richtig, wir regen aber dazu an, den Blick ggf. genauer auf sogenannte Transitionsgeographien und gemischte Übergangsregime zu richten. Transitionsgeographien könnten dann gemischte Komplexe zu erkennen geben, in denen kombinatorische Praktiken zwischen Wachstumsabhängigkeit vs. Wachstumsunabhängigkeit zu erkennen sind. Diese stellen sozusagen Entwicklungsvarianten dar, die eine stärkere evolutionäre Perspektive einführen könnten. Die vorliegenden Ausführungen sind unserer Auflassung nach zeitlos betrachtet, es wäre für den Erkenntnisgewinn von Bedeutung, Zeit als Faktor der Evolution hin zu neuen wachsenden (sic!) wachstumsunabhängigen Pfaden zu beleuchten. Damit geht die Frage einher, was gelingende Kontexte und Faktoren für ein Transitionsdesign sind, und was hemmende Elemente sind.
Eine evolutionäre Perspektive richtet dann nicht nur den Blick auf die stofflichen Erträge, sondern auf die neoinstitutionelle Frage nach Institutionen, Communities und neuen Trägergruppen wachstumsunabhängiger Lebensstile, Konsummuster und unternehmerischer Praktiken.
Zum begrifflichen Verständnis von Gesellschaft: Wir regen an, den Blick von Gesellschaft auf Gesellschaften und neue Vergemeinschaftungen zu richten. Gesellschaft als Entität erscheint uns nur bedingt geeignet, facettenreich und detailgenau zu verstehen, wo gelingende Praxisgemeinschaften und Netzwerkstrukturen wachstumsunabhängige Formen an den Tag legen und wo nicht. Diese Hinwendung zu einer auch raumdifferenzierenden Sicht auf Gesellschaft erscheint uns nicht nur im Kontext von Debatten um den „Globalen Süden“ vs.- des „Globalen Nordens“ geboten, sondern auch aus der Sicht wachsender Raumdifferenzierungen in Europa. Gesellschaft und ihre Normen und Werte weisen gerade in jüngster Zeit immer stärker divergierende Prozesse als auf Kohäsion ausgerichtete Entwicklungen auf. Des Weiteren raten wir an, „Gesellschaft“ nicht essentiell anzusprechen, wie dies von rechtskonservativen Akteuren praktiziert wird, um Verständnisse von auf nationalstaatliche Gemeinschaft bezogene Aspekte von Verhalten, gesellschaftlichen Praktiken usw. zu vereinheitlichen. Diese mindern den Erkenntnisgewinn über regionaldifferenzierende Formen der Vergemeinschaftung und pfadabweichende Entwicklungsdynamiken.
Zum Verständnis von Real-Experimenten: Wir begrüßen es außerordentlich, dass die bspw. in Baden-Württemberg aber auch anderswo begonnenen Reallaboratoren als Experimentierräume stark ausgewiesen werden. Wir würden es begrüßen, wenn aber auch andere Experimentierkontexte, wie sie beispielsweise im Kunst- und Museumskontext, im Digitalisierungsbereich sowie in sogenannten Citizen Sciences Labs Geltung finden. Es wäre von Interesse, eine stärkere und mutigere Experimentierkultur abzubilden, um den Formenreichtum von alternativen Pfadoptionen in den Blick zu bekommen.
Zum Begriff „Wirtschaft“: Die in der jetzigen Ausschreibung prominente wirtschaftswissenschaftliche Betrachtungsweise, die auf formal verfasste, nach Marktprinzipien agierende Unternehmen fokussiert, sollte konzeptionell erweitert werden. Die weiter oben gestellte Frage nach den Institutionen, Communities und neuen Trägergruppen wachstumsunabhängiger unternehmerischer Praktiken beinhaltet auch ein erweitertes Verständnis von „Wirtschaft“. Insbesondere stellt sich die Frage nach den Potentialen von Unternehmensformen, die ökonomische und soziale Zielsetzungen verbinden (soziale Ökonomie, gemeinwohlorientierte Unternehmen, Community Enterprises, etc.). Es geht somit auch um Träger, Akteure und Strukturen eines „anderen Wirtschaftens“, in dem wirtschaftliche Entwicklung ein Ziel darstellt, das mit anderen gesellschaftlichen Zielsetzungen abgewogen werden muss, wie etwa der Lebensqualität, oder der sozialen Gerechtigkeit in einer Region.
Die Fragen zur Steuerbarkeit von Wachstumsdynamiken und den Instrumenten einer Postwachstumsstrategie sind in der Ausschreibung aus sektoraler (wirtschaftspolitischer) Perspektive gestellt. Gleichzeitig ist deutlich, dass eine Hinwendung zu einer möglichen Postwachstumsgesellschaft die trans-sektorale und umfassende Analyse institutioneller Routinen und Praktiken jenseits der unmittelbar wirtschaftspolitischen Instrumente und Steuerungsformen erfordert. So stellt sich beispielsweise auch die Frage, inwieweit regionale Entwicklungs- und Förderprogramme, Wirtschaftsförderung und Regionalentwicklung in Wachstumslogiken verhaftet sind oder inwieweit sie Spielräume und Experimentierfelder für wachstumsunabhängige Praktiken bieten.
Kontakt
PD Dr. Bastian Lange, Bastian.Lange@uni-leipzig.de
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Damit die international vereinbarten Klima- und Nachhaltigkeitsziele erreicht werden können, müssen insbesondere industrialisierte Länder wie Deutschland, ökologische Belastungen, die aus ihren nicht-nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsweisen resultieren, in einem erheblichen Ausmaß reduzieren. Dies konnte bisher jedoch weder durch Effizienzsteigerungen noch durch Konsistenzstrategien auch nur ansatzweise realisiert werden. Es bestehen berechtigte Zweifel bezüglich der unter anderem im Green-Growth-Ansatz unterstellten Gewissheit, dass es aufgrund der technologischen Entwicklung gelingen wird, eine hinreichend starke absolute Entkopplung von Wirtschaftsleistung und ökologischen Belastungen im zur Verfügung stehenden Zeitraum zu realisieren. In verschiedenen Transformationsdiskursen wird zudem die Frage gestellt, ob weiteres Wirtschaftswachstum in den wohlhabenden Ländern zwingend notwendig ist, um die Lebensqualität dort zu erhalten. Aus der Perspektive einer starken Nachhaltigkeit werden eine Messung gesellschaftlicher Wohlfahrt, die sich primär am BIP orientiert, und darauf aufbauende wachstumsorientierte Politiken kritisiert.
Annotation vom 13.06.2018 - 12:22
In diesem Zusammenhang wäre es interessant zu wissen, inwieweit Konsum als Bedürfnis im Menschen von Natur aus verankert ist und wieviel von außen (gesellschaftliches Umfeld, Werte, Werbung) anerzogen wird. Was ist Grundbedürfnis wie Essen und Wohnen, was ist „Luxus“.
Die Lust am Wettbewerb ist gleichfalls eine Triebfeder für das Streben nach möglichst viel von allem und eine Ursache für Wachstum. Diese scheint tief verankert zu sein und es wäre eine Aufgabe, dieses Streben in unschädliche Bahnen zu lenken. Ein Wettbewerb zur Entwicklung nachhaltiger, kostengünstiger, flächensparender Bausysteme verbraucht weniger Ressourcen als Wettbewerbe um das höchste Hochhaus.
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Eine Postwachstumsstrategie kann als Innovationsstrategie konzipiert werden, die auf soziale Innovationen und neue soziale Praktiken fokussiert. Neue Formen des Wirtschaftens sind dabei kooperativ und netzwerkorientiert und unterstützen die Ablösung von Produzenten und Konsumenten von einer „Wachstumskultur“ und ihrer Steigerungslogik.
Annotation vom 13.06.2018 - 9:42
Hier wären auch Vergleiche mit anderen Ländern interessant, die weniger wachsen, aber dennoch eine sehr hohe Lebenserwartung haben (Italien, Griechenland, Cost Rica, etc.).
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Welche Auswirkungen haben Postwachstumskonzepte in unterschiedlichen regionalen Kontexten? Welche Potenziale bestehen für die Entwicklung strukturschwacher Regionen?
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Annotation vom 21.06.2018 - 14:51
von aa64f287 am 21.06.2018
Zunächst sollten die wachstumsabhängigen Bereiche identifiziert und die Gründe für eine vermeintliche oder tatsächliche Wachstumsabhängigkeit analysiert werden. Meine Intuition hierbei ist, dass viele Bereiche gar nicht tatsächlich wachstumsabhängig sind, sondern dass das wirtschaftliche Wachstum in der Vergangenheit es es lediglich erlaubt hat, Konflikten auszuweichen statt sie auszutragen und auszuhalten.
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